Monokausalität – ein verbreiteter Denkfehler
Keiner – wir schon gar nicht – soll so tun, als ob er/sie immun sei: das Suchen nach dem Grund, der Ursache ist weit verbreitet bei Patienten und Medizinern. Monokausalität gibt Sicherheit – und Überprüfbarkeit. Wir hätten es gerne eindeutig und feststehend. Eine und nur eine Ursache, bitte, und dabei soll es dann auchttp://www.elsevier.de/plusimweb/bookinfo?content=978-3-437-21831-6h bleiben. Aber schon eine simple Gastritis hat halt viele auslösende Faktoren…
Neben der Veranlagung – der eine ‘bekommt es am Magen’, die andere reagiert eher mit Migräne oder Venenentzündung – spielen immer mehrere Verursacher mit. Das schwere Essen ist dann der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt, aber der Streß im Büro, der Ärger mit den pubertierenden Kindern und das kaputte Auto mit der teuren Reparatur haben den Boden bereitet, auf dem dann die akute Problematik blüht.
Für Kopfschmerz und Rückenbeschwerden gilt dasselbe. Ich habe keinen über 30 erlebt, bei dem/der nicht solche auslösenden Faktoren zu finden waren, macht man sich die Mühe, danach zu suchen. Natürlich haben sie auf dem MRI ihre Bandscheibenprobleme – aber das ist die Nebenseite und noch lange kein Grund, gleich zu operieren. Es ist aber für alle Beteiligten schmerzhaft und unangenehm, so in die Tiefe&Breite zu gehen. Bleibt man bei der Monokausalität, muß man dem Patienten nicht aufs Fell rücken und ist auf Abstand.Nun haben wir bei unseren Patienten oft den Vorteil, dass sie all das schon hinter sich haben – und es hatte nichts gebracht auf die Dauer, sonst wären sie ja nich bei uns gelandet. Sie sind also bis zu einem gewissen Punkt bereit, über das vorher Versuchte hinauszugehen.
Im ersten Anlauf war es nicht selten so, daß ein Symptom benannt und erkannt wurde, dann ins Latein übersetzt – und die Diagnose ist fertig. Der Patient kommt mit Kopfschmerz – er /sie hat einen ‘Spannungskopfschmerz’ und dann iss gut, wie man im Ruhrpott sagen würde. Eine Patientin klagt über vielfältige Muskel- und Gelenkschmerzen – klar: sie hat eine Fibromyalgie. Die Schulter schmerzt seit Wochen – ‘Sie haben eine Brachialgie!’ - Ditto.
Dahinter stehen aber oft Lebenskrisen, jahrelanges Fehlverhalten, chronische Entgleisungen des Stoffwechsels oder andere Langzeit- Veränderungen. Ich sage weiß Gott nicht, dass wir immer in der Lage sind, diese strukturellen Probleme zu behandeln oder auch nur genau zu fassen. Aber man muß es zumindest versuchen. Sonst greift die Therapie viel zu kurz und begnügt sich mit dem Kurieren von Symptomen. Und – Sie sehen es an der Fülle der beteiligten Funktionsebenen – es ist bei weitem nicht alles mit ‘Einrenken’ behandelbar. Manualmedizin gibt uns den Werkzeugkasten in die Hand, auch die Verdauung und das Gemüt besser beurteilen zu können, als wenn man dem Patienten auf zwei Meter Abstand gegenüber sitzt. Aber man muß ‘Hand anlegen’, ihm/ihr ‘auf die Pelle rücken’ – das liegt nicht Jedem.
Das Suchen nach diesen echten Ursachen ist immer Teamwerk. Wir Ärzte bringen unser Know-how ein – und eine gewisse professionelle Distanz. Die Patienten kennen sich selber aber am besten und nur gemeinsam werden wir eine Chance haben, weiter zu kommen. Dabei stehen sich körperliche und seelische Aspekte nicht diametral gegenüber, sondern ergänzen sich. Unser Ansatz mus psycho & somatisch sein, sonst verdient er die Bezeichung Medizin nicht.Es gibt wunderbare Lehrbücher der psychosomatischen Medizin (z.B.Verlagsmitteilung ‘Uexküll’) , aber sie ist halt meiner Meinung nach nicht eine extra Fachrichtung, sondern Basis allen ärztlichen Handelns.
Das ist aber ein verdammt hoher Anspruch, den man da an sich und seine Kollegen hat. Ihm können nur ganz Wenige in der Tretmühle einer Kassenpraxis gerecht werden. Ich sicher nicht – was für mich mit der Hauptgrund war, dies nie versucht zu haben. Ich bin schon nach den knapp 30 Patienten, die ich an einem Arbeitstag sehe, fix&fertig. Hat man sich aus dieser Zwangjacke der Monokausalität befreit betritt man ein Areal, auf dem es keine statistisch fixierbaren Wahrheiten gibt. Schon bei 3 Variablen tillt die Evidenzierung. Und drei Variable reichen fast nie, um die Situation eines Patienten zu beschreiben – sieht man von den ganz Kleinen ab. Aber auch da steht eine Familie dahinter…
Also: keine tollen Totalkonzepte, keine ‘neuen’ Heilsversprechungen, sondern ganz demütige ärztliche Hand- und Kopfarbeit. Gemeinsam und immer eingedenk der Tatsache, dass es fehlerfreies Arbeiten auf dieser Erde nicht gibt; aber man muß danach streben, um auch nur ein Minimum an ‘Güte’ der Therapie zu erreichen – durchaus im Doppelsinn dieses Wortes.
Die Diagnose als Mittel zum Zweck
Wie wir mit Diagnosen umgehen kann man wohl an einem konkreten Beispiel am besten verdeutlichen:
Vor einigen Tagen kam ein junger Mann zu mir mit seinen jahrelangen Migrainebeschwerden. Als wir die Vorgeschichte besprachen schilderte er mir seine letzten Erfahrungen mit den werten Berufskollegen. Er habe sich auf Anraten seines Hausarztes einen Kernspin des Kopfes machen lassen. Dabei sei kein Hinweis auf Bösartiges oder Entzündliches zu finden gewesen, aber der Arzt habe ihm gesagt, er wisse nun, wo die Migraine herkommt: zu viele Blutgefäße im Hirnstamm, und das führe zu den Beschwerden. Auf seine Frage, was man da machen könne, sei er auf Medikamente verwiesen worden.
Nun muß man solch eine Erzählung immer mit einem Körnchen Salz nehmen. Was da genau gesagt wurde kann nie mehr objektiviert werden. Sicher ist aber, dass es so beim Patienten angekommen ist.
Gehen wir mal davon aus, dass der Kollege von der Richtigkeit seiner Aussage überzeugt war (ist ja zu hoffen). Was bringt so eine ‘Diagnose’ dem Patienten? Migraine ist immer – wie fast alle anderen Beschwerden auch – eine Gemengelage und wird von verschiedensten Ursachen beeinflusst. Gerade bei Migraine spielt zum Beispiel die Familienanamnese eine große Rolle. Man ‘erbt’ die Veranlagung dazu recht häufig. Auch Wetterfühligkeit gehört zum Standard- Repertoire der Migrainiker, ebenso wie bei Frauen eine Abhängigkeit von der Periode.
All dies spielt eine Rolle bei der Beschwerdeausprägung – aber man hat herzlich wenig Einfluß darauf. Wenn man also einem Patienten sagt: “Kein Wunder, dass Sie Migraine haben, ich hab ja schon Ihre Frau Mutter deshalb dauernd hier gehabt!” mag das sachlich richtig sein, es zieht den Leidenden nicht aus dem Loch.
Wir betrachten Diagnosen als Mittel, einem Problem auf den Leib zu rücken und nicht als Wert an sich. Das heißt in solchen Fällen, dass wir uns den Teilaspekt des Problems vornehmen, den wir am besten beeinflussen können, und dann schauen, was dabei herauskommt. Dann hat der Patient immer noch die gleiche Familie, Wetterfühligkeit oder Gefäßversorgung – aber ganz oft geht es ihm halt viel besser.
Und darauf kommt es letztlich an. Bei dem eingangs erwähnten Patienten haben wir deshalb die Statik geändert und einiges an der Halswirbelsäule deblockiert – jetzt werden wir mal sehen, wie er reagiert. Von der panischen Fixierung auf seine ‘falschen’ Blutgefäße im Hirnstamm konnte ich ihn hoffentlich abbringen…
Fortbildung in der Praxis (05 /2011)
4. Mai 2011 16.00: Fortbildung in der Huhnsgasse 34
Praxis & Wissenschaft … oder: Wissenschaft in der Praxis – wie es Euch gefällt
Ungefähr 30 Kolleginnen und Kollegen waren unserer Einladung gefolgt und hatten sich am Mittwoch Nachmittag in der Praxis Huhnsgasse eingefunden.
Getreu unserem Motto, beschäftigten sich die Referate mit dem Verstehen von Zusammenhängen zwischen funktionellen Störungen des Bewegungsapparats und deren Auswirkungen auf die individuelle Gesundheit. Was für uns in der täglichen Arbeit fast selbstverständlich ist wirkt – von außen betrachtet – manchmal durchaus sehr merkwürdig.
Wir begannen mit der Präsentation eines Schulversuchs, bei dem die Zusammenhänge zwischen motorischer Kompetenz und Lernverhalten untersucht worden waren. René Schmitz stellte dies in einem Vortrag auch anhand von Video- Sequenzen dar.
Daran schloss sich die Darstellung einer katamnestischen Studie an, bei der wir die Effizienz der Manualmedizin bei Schreikindern überprüft hatten. die Diagnose „Reflux“ für diese Schrei- bzw. Kolik- Fälle wird dann zum Problem, wenn aufgrund dieses Konzepts dann über Wochen Medikamente gegeben werden, die recht massiv in den Elektrolytmetabolismus eingreifen. Bettina Küsgen konnte anhand überzeugender Zahlen nachweisen, dass es probate Alternativen zu diesem medikamentöse
n Konzept gibt.
Daraus ergibt sich dann die Frage: Was wird aus diesen Kindern später? – auch der gingen wir nach.Es konnte anhand einer Nachuntersuchung und -Befragung von Kindern aus 1994 gezeigt werden, dass die aller meisten nach 1-2 Behandlungen auch bei jahrelanger Nachbeobachtung keinerlei damit zusammenhängende Beschwerden mehr hatten. Das ist relativ wichtig bei der Beurteilung der Frage, ob KiSS als Kleinkind Grund für eine Langzeit- Betreuung ist. Dies kann nach unserer Auswertung verneint werden. Nur eine relativ kleine Gruppe von ca. 15% sind davon betroffen. Dazu wird eine Veröffentlichung vorbereitet.
Just Lauer, Kinderarzt aus Solingen und sehr engagiert in der Diagnostik und Behandlung hyperaktiver Kinder stellte seine Sicht der Dinge dar. Er setzt durchaus auf medikamentöse Therapie als einen Haupt-Pfeiler der Betreuung und so ergab sich eine lebhafte Diskussion.
Schließlich präsentierten wir das Studiendesign für unseren Schulversuch. Dieser soll die Effizienz von Manualmedizin bei Schulproblemen untersuchen. Auch hier geht es wieder darum, eine Alternative zu dem oft als ‘alternativlos’ angesehenen medikamentösen Ansatz vorzuschlagen.
Nach dem wissenschaftlichen Teil trafen sie Teilnehmer und Referenten zu einem Imbiß mit Diskussion im Sozialraum der Praxis.
Die Resonnanz der Teilnehmer war sehr positiv, sodaß wir planen, solch eine Fortbildung ein Mal jährlich durchzuführen,
Sklerosierung – Prolotherapie
Bei Rückenschmerzen kommt weiß Gott nicht alles von der Bandscheibe, auch wenn man die so schön auf den Kernspinaufnahmen sehen kann..
Wie viele Patienten kommen mit fast triumphierenden Gesichtsausdruck in unser Sprechzimmer und verkünden “Herr Doktor, ich habs an der Bandscheibe – sehen Sie!”, um uns dann die mitgebrachten Kernspinaufnahmen unter die Nase zu halten.
Sie sind dann manchmal etwas enttäuscht, dass wir der klinischen Untersuchung mehr Bedeutung beimessen als diesen doch so teuren Aufnahmen. Man kann etwas überspitzt sagen, dass echte Bandscheibenprobleme das Privilieg der 20-40jährigen sind. Darüber, und vor allem bei Frauen, ist es eher der Bandapparat, d.h. die passiven Haltestrukturen zwischen Lendenwirbelsäule und Becken, die die Schmerzursache sind. Hier können wir mit sportlichen Maßnahmen, aber auch mit einer speziellen Injektionstherapie gut helfen. Dabei wird nichts Aggressives gespritzt – fast immer genügt eine Mischung von Glucose und Lokalanaesthetikum.
Hier ein zusammenfassender Artikel dazu: Sklerosierungstherapie bei Kreuzschmerzen
Unser Konzept
Bei unserer Untersuchung und Behandlung der Patienten steht die Manualmedizin im Mittelpunkt.
Sie ist funktionelles Modell, keine “Grifftechnik”, die man wie auch immer einsetzen kann. Das Wichtigste ist hierbei, den aktuellen Beschwerden so auf den Leib zu rücken, dass man deren strukturelle Ursache erfasst – und nicht nur ihre Symptome.
Bei einem Schulterschmerz kommt es nicht darauf an, welcher Muskel da wie verkürzt ist, sondern welches Problem dazu geführt hat, dass diese Schulter falsch ‚funktionierte’ und so begann zu schmerzen. Dazu gehört zuallererst das Erfassen der Vorgeschichte und der Begleitumstände der Beschwerden. Oft sind es Funktionsstörungen, die den besten Ansatzpunkt für unsere Bemühungen ergeben, und nicht die ‚usual suspects’ Bandscheibe, ‚entzündeter’ Nerv oder der berüchtigte ‚Verschleiß’. Das häufige “Mit diesen Schmerzen müssen Sie leben” werden Sie von uns nicht hören.
Solch ein Vorgehen ist nur dann sinngebend, wenn man die diagnostische und therapeutische Technik in ein funktionelles Konzept einbettet. Dieses Konzept trägt der Komplexität der Interaktion vertebragener Funktionsstörungen mit dem Umfeld und der Langfristigkeit ihrer Effekte Rechnung. Darin gehen die genetische Komponenten ebenso ein wie die weiteren (Stör-)Faktoren der sensomotorischen Entwicklung, die in jeder Lebensphase anders bewertet werden müssen. Erst mit dem Blick auf mögliche Langzeit-Konsequenzen wird verständlich, warum man bei manchen Patienten zur Behandlung von Problemen rät, die für sie selber gar nicht im Mittelpunkt standen.
Eine Grundlage manualmedizinischer Diagnostik ist die sorgfältige funktionelle und morphologische Analyse des röntgenologisch Erfassbaren. Dafür gibt es in Jahrzehnten herausgearbeitete Kriterien, die uns erlauben, aus ‚simplen Röntgenbildern’ ungleich mehr Information zu gewinnen, als dies gemeinhin der Fall ist.
Manualmedizin unter diesen Gesichtspunkten kann nicht isoliert gesehen werden. Nur unter Berücksichtigung der anatomischen und neurologischen Grundlagen kann das bei der Funktionsanalyse Gewonnene in eine Gesamtschau korrekt eingeordnet werden.
Eine Untersuchung gerade jüngerer Patienten setzt Ruhe und Gelassenheit auf beiden Seiten voraus. Wohl kann man das bei unseren Klein- und Schulkindern nicht immer erzwingen, aber die Atmosphäre und die vorhandene Zeit sollten dabei helfen.
Wir bitten die Eltern und Patienten, sich auf das erste Gespräch genauso gut vorzubereiten, wie wir das selber zu tun bestrebt sind. Man ist oft erstaunt, wie viele Informationen aus Fotos, Befunden und der Schilderung der Entwicklung gewonnen werden können, wenn man sich vor den Hintergrund von Jahren klinischer Erfahrung die Zeit dafür nimmt.
Ganz wichtig ist uns, unsere Patienten nicht durch ein Übermaß an Aktivität zu irritieren. Oft ist eine sparsame aber gezielte Einzeltherapie besser, als ein Potpourri von Behandlungsansätzen, die sich nicht selten gegenseitig im Weg stehen. Es ist heute schwierig, diese Konzentration auf das Wesentliche zu vermitteln und zum ‘Wenig, aber gezielt’ zu finden.
Gerade vor und nach unserer Therapie an der Halswirbelsäule bitten wir deshalb, keine sonstigen Behandlungen hier durchführen zu lassen. Wir erlebten immer wieder, dass gerade in dieser Gegend sehr schnell gut Gemeintes nur irritierend ist.
Auch bei den durchaus vorkommenden Erstverschlechterungen nach Behandlung ist es wichtig, Geduld zu bewahren und dem Organismus die Zeit zu lassen, sich mit der Therapie auseinanderzusetzen. Das kann bei Babies zu einer unruhigen Nacht, bei Schulkindern zu einer Woche ‚wuseligen’ Verhaltens und bei Erwachsenen zu 2-3 Tagen vermehrter Beschwerden führen. Wir sind bemüht, dies alles im Vorfeld so zu erklären, dass den Patienten und ihren Familien das Warten auf die Besserung nicht zu schwer fällt.
Um zum Erfolg zu kommen brauchen auch die besten Ärzte vier Dinge:
* die Hilfe und das Vertrauen der Patienten
* eine optimale Voruntersuchung
* gute Behandlungstechniken
* und das Quäntchen Glück, ohne das nichts geht.
Wenn Sie uns helfen, dies zusammenzubringen, haben wir gemeinsam eine gute Chance, zum Erfolg zu gelangen.
Lassen Sie’s uns versuchen!
Köln, Dezember 2008
Ärzte und Team der Privatpraxis Huhnsgasse 34
Über Hälse und Krähen..
Gleich vorab: ich bin nicht objektiv – bei weitem nicht. Mein Opa war Yoga- Lehrer (nebenher, eigentlich Schulrat) und das wurde nicht letzt an den Enkeln erprobt. Daß er mich darüberhinaus von meiner Linkshändigkeit zu ‘kurieren’ versuchte und dafür meine Sonntage mit Schreibübungen verstopfte machte ihn mir nicht sympathischer.
Also: zum Yoga von vorn herein eine doch sehr kritische Distanz. Was kürzlich in der Süddeutschen stand faßt meine eigenen Erfahrungen aus der Praxis so gut zusammen, dass es hier zum Lesen empfohlen werden soll (Gefahren des Yoga).
Man sollte halt nicht vergessen, dass dieses Verfahren von relativ hypermobilen (beweglichen) und eher klein gewachsenen Südostasiaten entwickelt worden ist. Wenn wir eher sperrig-knochigen Europäer uns dieser Dinge annehmen sollten wir die Idee dahinter übernehmen, bei der konkreten Umsetzung aber Vorsicht walten lassen. Wir hatten in den letzten Jahren immer wieder Yoga- Begeisterte, bei denen wir schließlich (und gemeinsam mit den Patienten) einen gut Teil der Beschwerden als Yoga-bedingt verorten konnten. Auch Yoga- Lehrer wohlgemerkt. So ist dasStreben, vom ‘Sonnenguß’ über den ‘herabschauenden Hund’ bis zur ‘Krähe’ zu kommen durchaus unterstützenswert – wenn Yogi und Lehrer dabei die lästigen biomechanischen Randbedingungen nicht aus dem Auge verlieren….
Noch mal und ganz explizit: Yoga, Meditation, Feldenkrais, Shiatsu und viele viele andere Verfahren haben ihre Meriten und gerade der sie einigende Ansatz, Körper und Geist zusammen zu bringen, kann nur unterstützt werden. Es ist aber ein Unding zu glauben, dass alles gut und nachahmenswert ist, nur weil es ein etwas exotisches Fähnchen hat. ‘Dosis facit venenum’ (die Dosierung macht das Gift) schrieb schon Ovid….
Qualitätskontrolle in der Praxis
Dies liegt allen Therapeuten und Ärzten am Herzen – natürlich auch und vor allem denjenigen, denen unsere Arbeit gilt. Wenn man sich umschaut und -hört, wer einem wohl mit seinen Gesundheitproblemen helfen könnte, wäre man sehr froh, gäbe es da eine Liste. Man kennt das vom Wein, wo Herr Parker und andere sich mit ihren Listings hervortun. Schon da sei die Frage gestattet, wie man so etwas Komplexes wie den Wein auf einer linearen Skala abbilden will. Was macht einen Bordeaux ‘besser’ als einen Burgunder? Wodurch hat der eine Moselwein 88 Parkerpoints, der andere 94? Wer selber gerne ein Gläschen Wein genießt kann eigentlich über diese Hitparaden nur lachen – für die betroffenen Winzer ist das Ganze aber durchaus ernst, da umsatztreibend oder eben nicht.
Bei der Beurteilung der Qualität eines Arztes oder einer ärztlichen Einrichtung ist es noch schwieriger. Kann man die mehr oder weniger moderne Ausrüstung zum Maßstab nehmen? Sind Einrichtung, Verhalten der Mitarbeiter oder die Wartezeiten ein Kriterium? Alles spielt sicher eine Rolle, aber schließlich kommt es darauf an, dass für die Gesundheitsprobleme des Betroffenen eine möglichst effiziente Lösung gefunden wird – alles Andere ist nur schmückendes Beiwerk.
Deshalb sind wohl die Beurteilungen durch die Patienten noch das ehrlichste Kriterium – zumal sich eher diejenigen irgendwo zu Wort melden werden die nicht zufrieden sind. Wir wurden immer wieder gebeten, eine Liste der Ärzte ins Internet zu stellen, die bei uns ausgebildet wurden. Ich hab da so meine Zweifel. Zum einen kann man aus der Tatsache, dass einer eine Kursreihe absolviert hat zwar auf sein Interesse schließen – ob er /sie dabei aber schlauer rauskam ist noch die zweite Frage.
Auch unsere Parxis will ich da gar nicht ausnehmen: wer weiß schon, wie wir in ein paar Jahren dastehen? Man muß sich jeden Tag aufs Neue bemühen, die Latte etwas höher zu legen. Sonst wird man bequem und selbstgerecht. Wir sind natürlich der Meinung, dass wir es gut machen
Eine weit verbreitete Unsitte ist es dieser Tage, alles zertifizieren zu wollen. Vor einiger Zeit war ich bei einem Kollegen in der Praxis, der am Empfang eine Urkunde hängen hatte, dass seine Praxis ISO9000- zertifizert sei. So what? – ist man versucht zu fragen. Die ganze Zertifiziererei kommt aus dem industriellen Qualitätsmanagement und ist selbst da umstritten (vgl.Interview Warzecha). An der Wiege der ISO9000 (sie hieß damals noch BS5750) standen Mängel in der Artilleriegranaten- Produktion in den USA während des 2. Weltkrieges. Solche industriellen Prozesse kann man relativ gut abbilden. Wendet man solche Verfahren auf soziale Prozesse an, wird man in aller Regel scheitern (vgl.Kritische Anmerkungen über ISO9000). “Die ISO-Zertifizierung ist daher in der Regel eine Zwangsveranstaltung ohne Primärnutzen” fassen die Autoren zusammen. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen…
Sie verstehen jetzt, warum wir uns nie zertifizieren ließen und das auch in Zukunft nicht vorhaben.
Gespräche Manualmediziner – Zahnärzte/Kieferorthopäden 18.1.2012
An diesem Mittwoch luden wir aus der Huhnsgassen- Praxis unsere Kollegen zu einem Nachmittag/Abend rund um die Schienentherapie ein.
Neben der Indikationsstellung stand hierbei die Frage im Vordergrund, welche Anforderungen wir an die Schienentherapie überhaupt stellen können. Wieviel kann bestimmt werden an der Geometrie der Kieferbewegung, wieviel muß approximativ ermittelt werden? Wie können Manualmediziner dazu beitragen?
Als erster stellte Peter Grewe sein Konzept der CMD- Therapie dar, das von Ansatz her fachübergreifend arbeitet und die Brücke nicht nur zum manualmedizinischen, sondern auch zum psychologischen Therapieren schlägt – ein Ansatz, dem alle zustimmen konnten. Der Kollege was so voll der guten Botschaft, dass es uns fast leid tat, ihn auf eine viertel Stunde beschränken zu müssen. Ich denke, er hätte auch gut&gern zwei Stunden füllen können.
Gero Kroth ergänzte dies mit einer praktischen Darstellung der Bißnahme und Schienenanfertigung, wie er sie in seiner Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau praktiziert.
Ulrike Kinzler, erfahrene Kieferorthopädin aus Velbert mit Schwerpunkt Arbeit mit behinderten Kindern berichtete anschließend über ihr Konzept des Konstruktionsbisses und wie sie eine valide Bißnahme durchführt. Sie verwendet eine meditationsgeführte Haltungsbeeinflussung, um die Patienten so in eine adäquate Postition zu bringen.
Bettina Küsgen, Orthopädin in der Huhnsgasse, stellte dann drei rezente Kasuistiken dar, bei denen die Interaktion von Biß, Schienenbehandlung, aber auch Manualmedizin und psychischer Problematik gut erfaßbar war.
Nach einer kleinen Pause berichtete Rolf Rädel, Orthopäde in Wanne-Eikel – über seine jahrelange Zusammen
arbeit mit dem Zahnarzt Henryk Steinke. In gemeinsamen Sprechstunden unteruschen Sie potentielle CMD- Patienten, um so schnell und effektiv zu einem Behandlungskonzept zu kommen.
Last not least wurde dann von Heiner Biedermann die Einpassung des Kiefergelenks und seiner funktionellen Störungen in unser manualmedizinisches Konzept schlaglichtartig abgehandelt.
Nach diesen komprimierten Referaten (wir werden uns in den nächsten Tagen bemühen, sie hier zugänglich zu machen) gingen wir zum Diskussionsteil über, der – in bewährter Weise von Evelyne bekocht – sich dann bis nach 21.oo hinzog.
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Gefährliche Gesundheit
“Das Knock-Syndrom: Gesunde sind Kranke – sie wissen es nur noch nicht (hier)” –
so überschriebt Stephan Nolte eine Glosse im Ärzteblatt. Ich muß gestehen, dass ich die damals überlesen hab, nicht vermutend, dass so was Nettes im Verbandsblättchen zu finden wäre.
Für mich sind der belletristische Höhepunkt des Ärzteblatts immer die Heiratsanzeigen, wenngleich man sich bei deren Lektüre manchmal denkt, doch die Chance seines Lebens notlos an sich vorbeigelassen zu haben (à la: “fünfsprachige, bildschöne brasilianische Herzchirurgin – 29; 90-60-90″).
Während eines Kongresses (vgl.) haben wir uns mal wieder gesehen und dabei kam das Gespräch zwanglos auf die Basis unserer ärztlichen Tätigkeit. Ist dann schön, wenn man merkt, dass da einer ist, der genauso tickt. Und da ich es nicht besser formulieren könnte sei hier sein Artikel aus dem Kinder- und Jugendarzt präsentiert (Dr. Knock – J.Nolte im bvkj).
Ganz ähnlich übrigens ein Artikel in der Süddeutschen (‘Rettet die Medizin vor der Ökonomie’), der sich auf eine Veröffentlicung des Harvard- Mediziners J.Groopman bezieht (Original hier). Auch und gerade hier ist die Spannung spürbar, einerseits Teil dieses Systems zu sein – und letztlich von ihm ökonomisch anhängig zu bleiben – und nichtsdestotrotz diese Zwänge zu benennen und ihnen zu widerstehen versuchen. Und es schient natürlich zumindest naiv, dies in den Vereinigten Staaten als große Neuigkeit zu präsentieren – aber vielleicht muß man halt wieder und wieder darüber schreiben&sprechen; man kann den beiden Autoren zumindest nicht vorwerfen, sie hätten das nicht schon lange getan (Artikelliste hier).
Vom Geraderichten: Orthesen und Einlagen
Zur Orthopädie gehört von Anfang an das geraderichten untrennbar dazu. Das Bäumchen, zurechtgezurrt und an einem Stock ausgerichtet, findet sich auf vielen Briefköpfen von Orthopäden. Immer steht das Bestreben vorn dran, durch Begradigung auch eine Verbesserung erreichen zu wollen.
Heute verfügen wir über viele technische Errungenschaften, an Material und Untersuchungstechnik, aber letztendlich bleiben die großen Linien dieselben. Je weniger man die eigentlichen Ursachen einer Fehlhaltung beeinflussen kann desto berechtigter ist der Ansatz, wenigstens die Auswirkungen zu reduzieren. Schon Schanz wies aber in seinem ‘Handbuch der orthopädischen Technik‘ vor über hundert Jahren darauf hin, dass man die Nachteile im Auge behalten sollte:
“Legen wir an ein ganz gesundes Bein z.B eine Schiene, und möge es der bestkonstruierte Schienenhülesenapparat sein, so können wir in ganz kurzer Frist an diesem Bein eine Atrophie nachweisen”.
Immer noch richtig.
Also sollte jede stützende/redressierende/geraderichtende Maßnahme genau und gerade darauf bedacht werden. Das gilt für Einlagen, aber ebenso für Stützkorsetts bei älteren Patienten und die berüchtigten Helmorthesen..
Es ist manchmal schwer, mit seinem Nachwuchs bei Orthopäden wieder aus der Praxis zu kommen ohne Einlagen verschrieben zu bekommen. Bei Einlagen ist es aber fast immer besser, die Ursache der Fußfehlhaltung anzugehen. Wir wissen seit vielen Jahren, dass Einlagen zwar die Stellung des Fußes akut normalisieren können, aber dadurch eben auch die eigentlich dafür ‘zuständige’ Muskulatur erschlaffen lassen. Es sieht dann besser aus, ist aber funktionell schlechter. Kein guter Tausch…
So sehr Einlagen bei Zustand nach Klumpfuß- Op oder nach Unfällen unvermeidlich sein können, so kritisch sollte man ihnen ansonsten gegenüberstehen. Schon Schanz – einer der Großen Alten der Orhopädie – hatte auf dies hingewiesen (s. Abb.). Und da ändern auch die verschiedenen Modelle von ‘propriozeptiven’ oder ‘sensomotorischen’ Einlagen nichts – außer dass sie noch teuerer sind als die klassischen Versionen. Wie uns viele Damen täglich vor
Augen führen sind unsere Füße fast unbegrenzt anpassungsfähig an sie quälendes Schuhwerk und davon genauso wenig beeindruckbar wie durch die therapeutschen Versuche mit Einlagen…
Nexus® – Erfahrungsbericht
Lieber Herr Dr. Biedermann,
ich schulde Ihnen noch einen Erfahrungsbericht zu Nexus®
Ich habe das Kissen in den letzten Monaten immer wieder eingesetzt, nicht mit sturer Regelmäßigkeit, sondern immer dann, wenn es gelegen kam. Manchmal war dies, wenn ich starke Verspannungen hatte, aber das war keine Vorraussetzung zur Nutzung.
Damit wären wir bereits beim größten Vorteil von NEXUS®: es ist einfach und völlig aufwandslos nutzbar. Es ist ungemein entspannend und erfüllt damit den erwünschten Zweck, der Hinweis im Merkblatt zum Thema „Schlüsselbundschlaf“ ist durchaus berechtigt – man kann ohne weiteres wegschlummern. Aus meiner Sicht ist der Nutzen im Bett stark eingeschränkt aufgrund der relativ weichen Unterlage, ich benutze es auf einer Gymnastikmatte.
Was mir noch nicht klar ist, ist der beste „Aufsatzpunkt“ am Hals, d.h. näher zum Kopf, näher zur Schulter oder in der Mitte. Da ich letztendlich keine Unterschiede festgestellt habe, vermute ich, es ist irrelevant – eine Klarstellung bietet sich aber eventuell bei der nächsten Überarbeitung des Merkblattes an.
All dies sind wahrscheinlich keine besonders neuen Erkenntnisse. Der wichtigste Punkt ist: es ist äußerst entspannend (bestimmt auch, weil es zur Ruhe diszipliniert) und funktioniert damit hervorragend. Wie bereits gesagt, basieren meine Beobachtungen nicht auf einem sonderlich systematisches Vorgehen – sollte so etwas für Sie hilfreich sein, biete ich gerne meine Hilfe an.
Ich wünsche Ihnen jedenfalls alles Gute bei einer eventuellen kommerziellen Vermarktung von NEXUS®,
mit besten Grüssen
X.X.



