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Vom Wiegen wird die Sau nicht fett…

Sagen die Landwirte – zurecht. Albert Einstein meinte mal: ‚Nicht alles was gezählt werden kann zählt, und nicht alles was zählt, kann gezählt werden‚.

Liebig Sammelbildchen von 1907

Liebig Sammelbildchen von 1907

Nicht nur Schweinchen werden viel gewogen, auch unsere Schul-kinder werden links & rechts getestet. Man denke nur an Pisa & Co., den neuen ‚holy grail‘ vieler Pädagogen.

Das Wiegen als Selbstzweck ist aber milde gesagt fragwürdig, uns spätestens dann, wenn man mal erlebt hat, wie gewisse darauf aufbauende Diagnosen bei den Familien ‚einschlagen‘ muß man sich fragen, was hinter dieser Sucht nach Zählbarem steckt.

Hat man – wie wir – viel mit Heranwachsenden und ihren Schulschwierigkeiten zu tun dann kennt man die Briefe vieler  SPZ (SozialPädiatrische Zentren): mindestens 4 Seiten, alle Tests haarklein aufgelistet und die Ergebnisse mit den Normwerden verglichen incl. prozentuale Abweichung von dieser Norm, auf 2 Kommastellen genau. Und unten drunter 3-5 Unterschriften der diversen Ärzte und Psychologen bzw. Therapeuten. ‚Wenn es der Wahrheitsfindung dient‘ möchte man dazu mit Fritz Teufel selig sagen – und dies bezweifeln.

Wenn ich den Blutdruck in der Praxis messe, kaum dass der Patient reingekommen ist, bekomme ich keinen vertrauenswürdigen Wert. Wenn ich einen psychologischen oder kongnitiven Test mache und das Kind findet den Untersucher blöd brauche ich mich nicht zu wundern, wenn das Ergebnis unterdurchschnittlich ist. Kürzlich war eine Mutter mit ihrem Knaben bei mir, den sie im halben Jahr vorher dreimal hatte testen lassen. Der IQ variierte zwischen 105 und 121. So viel zu Exaktheit und zur zweiten Kommastelle…

Wir brauchen Metrik bei unseren Diagnosen. Wir sind froh, gewisse Fakten auch mathematisch irgendwie abbilden zu können; aber wir müssen uns immer darüber im Klaren sein, dass jegliche Diagnostik die Realität vereinfacht, sehr vereinfacht. Und – was noch viel wichtiger ist – jedwede Diagnose, die wir den Betroffenen und deren Familien mitteilen, wirkt wieder auf diese Realität zurück. Es gibt keine Diagnose ‚umsonst‘. Wenn Eltern eines Säuglings mit schiefem Kopf zu uns kommen und wir messen das mit Comuter und 3D-Technik hat das andere Konsequenzen als wenn wir dem Kind über den Kopf streichen und sagen „Ja, der ist schief, aber das bekommen wir hin!“.  Bei manchen dieser Diagnoseverfahren schleicht sich der Verdacht ein, dass damit einer gewissen Dramatisierung des Befundes zumindest nicht aktiv entgegengewirkt werden soll.

Exakt dasselbe passiert bei den Tests der Schulkinder. Ich habe mich oft gefragt, was aus mir wohl geworden wäre, würde ich heute die Schulbank drücken. Zu meiner Zeit in den 50gern und 60gern ‚war der Heiner halt ein wildes Kind‚, unruhig und immer alleine sitzend, da seine Bank-Kameraden zu sehr vom Unterricht ablenkend. Heute: sicher ADHD, wohl auch Dyslexie und warum nicht noch eine Wahrnehmungsstörung obendrauf?! Ganz schlimm auch, wenn diese Ergebnisse von Tests in die Schulakten geraten. Man ist an Joseph Hellers Catch-22 erinnert: wenn man dann mal eine gute Note für die Klassenarbeit bekommt ist es ein Ausrutscher. Und Eltern denken, es wäre für die Kinder von Vorteil, wenn jeder wüßte, dass sie ‚hochbegabt‘ sind und/oder einen IQ von über 130 haben. Weit gefehlt! In der Regel ist es so ungut, oben aus dem Durchschnitt rauszuschauen wie unterhalb zu sein. Mitte ist Trumpf!

Wir sollen und wir müssen testen und versuchen, uns ein Bild von den uns anvertrauten Kindern zu machen. Auch und nicht zuletzt, um die Ergebnisse vergleichbar zu machen. Aber man hüte sich vor dem unkritischen Anbeten generierter Zahlen und der Überfrachtung dieser Daten mit Auswertungen, die diese nicht hergeben.  Die erzielten Ergebnisse sinnvoll kommunizieren und in ihrer Relevanz korrekt einordnen ist mindestens so wichtig wie sie überhaupt zu erheben.

Das ist der Grund, warum wir uns bemühen Arztbriefe von mehr als 2 Seiten zu vermeiden. Man muß nicht jeden Krümel, den man gefunden und umgedreht hat auch noch beschreiben. Es liest keiner und man präsentiert eine Vielfalt von Informationen und Daten, die letztlich niemanden interessieren und oft nur dokumentieren sollen, wie fleißig man war. Ist den Patienten bzw. deren Familien aber egal; für die kommt es letztlich auf das Ergebnis an.

Oder wie Woody Allen es mal sagte: „Ich messe mir viermal am Tag die Temperatur und meine Frau hat all unsere Kinder ohne Thermometer großgezogen!“

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